Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mitdenker:innen
Ich schreibe euch aus jenem Zwischenreich, in dem Kunst entsteht: halb Labor, halb Beichtstuhl, halb Zauberküche. (Ja, ich weiß — drei Hälften. Aber wer auf der Bühne die Geometrie nicht beleidigt, hat sie noch nicht verstanden.) Seit Jahren versuche ich, die Wirklichkeit minimal aus ihrer Spur zu heben. Nur so weit, dass sie irritiert zurückschaut und säuselt: „Moment. Was war das gerade?“
Genau dort beginnt sie zu leben.
Hurra, Kunst sollte wieder irritieren!
Ich möchte euch einladen, trotz all dem Terror und irrationalen Elend dieser Welt euch irritieren zu lassen.
Nicht als Dauerorgel der Aufregung. Nicht als algorithmische Empörungsschleife wie sie durch die Tagespresse geistert. Sondern als leise, gefährliche Verführung des Denkens. Ein geistiges Stolpern, das uns wach macht. Wir bewegen uns längst in Gewissheiten, die sich als Naturgesetze verkleiden. Die lebendige Kunst aber — unsere alte, wunderbare Komplizin — rehabilitiert den Irrtum. Sie erlaubt uns, falsch zu liegen. Würdevoll, aufrecht und ohne Scham..
Schon Modernekritiker Søren Kierkegaard schrieb sinngemäß, dass die Wahrheit im Paradox wohnt. Ich würde hinzufügen, dass Wahrheit die Bereitschaft braucht, sich für einen Moment lächerlich zu machen. Ohne diesen Mut verkommt sie zur Pose.
Doch da gilt es nicht stehenzubleiben: Nicht von moralischen Stellvertreterkampagnen oder ironischer Gesinnungsakrobatik. Nicht von Diskursen, die wie Accessoires getragen werden gehe ich hier aus. Ich spreche auch nicht von falschen Gutmenschenkampagnen für ironische Karrieristen. Nicht von bigotten, sich selbst zitierenden Pseudo-Marxisten, die den Diskurs wie ein Accessoire tragen. Kunst ist kein Feigenblatt der Gesinnung. Sie ist ein Risiko.
Requiem für Alice – für Streichquartett, Bassposaune und Politikerin. E.Rediger, Animation Michael von zu Mühlen
OH FAITH – Vereint im Zweifel – Premiere 27.März 2026. Residenz Schauspiel
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Ich wünsche mir, dass die produktive Irritation dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört: in die Kunst, in die Literatur, auf die Bühne.
Die Politik hat sie längst kolonisiert und trägt sie wie ein Fallmesser im Mantel. Das reicht. Nehmen wir ihr dieses Werkzeug zurück.
Wenn Politik Kunst spielt, persifliert und grauenhafte Taten ironisiert, bleibt alles bloßes Theater – und zwingt uns Kulturschaffende, in eine politische Realsatire einzusteigen. Doch dies war nicht immer so.
Zum Beispiel Chaplins Der große Diktator war nur deshalb so wirkungsvoll, weil die Politik sich das Mittel der komödiantischen Irritation noch nicht selbst angeeignet hatte. Heute regiert sie in Gestalt verschiedener Protagonisten gleich selbst als Farce. In der Kunst jedoch darf Irritation etwas anderes bleiben: ein Heilmittel. Eine Übung der Wahrnehmung. Ein Raum, in dem Komplexität nicht reduziert, sondern ausgehalten wird. Auch in unserem hyperdigitalen Zeitalter sollten wir uns dessen bewusst bleiben und resistent sein und uns weiter weltweit vernetzen.
„WENN POLITIK KUNST SPIELT, BLEIBT ALLES THEATER.“
Denn Internationalismus ist dabei kein nostalgischer Luxus, sondern eine kulturelle Notwendigkeit. Gerade in Gesellschaften, die beginnen, sich selbst zu zerlegen. Kunst war immer dann relevant, wenn sie Grenzen überschritten hat. Ästhetisch, sprachlich, politisch und menschlich.
Dabei steht uns eine weitere Verunsicherung ins Haus: die Androhung einer neuen Liminalität der Realität. Wenn die A.I. – in ihrer kalten Geduld – beginnt, unser sakraler Spiegel zu werden. Vielleicht sogar unsere projizierte göttliche Hoheit. Dann sollte Kunst nicht verstummen, sondern schmunzeln — und die Fragen lauter stellen. Oder im Chor. Oder am Eurovision-Songcontest.
Ich glaube an diese produktive Erschütterung. Olga Tokarczuk schreibt, dass wir die Welt nur verstehen, wenn wir lernen, ihre Brüche zu bewohnen. Artaud wollte die Ordnung erschrecken. Ich nenne es ein zärtliches Erdbeben. Einen Riss, durch den Licht fällt und gelegentlich ein unanständiges Lachen dringt.
Denn eines ist entscheidend. Die Komödie darf nicht zur höflichen Maske des Autoritären werden. Das Lachen gehört den Ungehorsamen. Den Suchenden. Den Zweifelnden.
Foto HEALING HATE – Oper Leipzig November 2025 © Foto Iona Dutz
Foto Caravan of LUV – archive 2026, Vienna 2025. – Wiener Festwochen
Foto Caravan of LUV – Wiener Festwochen – © Ines Bacher
Foto Caravan of LUV – HEALING PRAGUE – © JanHromadko – National Theater Praha
Unsere Arbeit und vermutlich auch euer Grund, diese Zeilen zu lesen, ist Teil eines Experiments ohne Geländer. Wir werfen Gedanken, Formen und Zumutungen in die Welt. Ihr fangt sie auf, widersprecht, verwandelt sie oder lasst sie liegen. Das genügt. Mehr verlangt Kunst nicht.
Lasst uns also mutig danebenliegen. Elegant scheitern. Mit Stil irren.
Danke für eure Bereitschaft, euch irritieren zu lassen — klug, wach, solidarisch und ohne falsche Masken.
Ein herzliches Danke an alle, die uns auf diesem Weg mutig unterstützen.
Courage 2026 💥
Mit herzlicher Respektlosigkeit vor all dem Greuel und einem lachenden Stirnrunzeln aus dem Maschinenraum der Fantasie.
Elia Rediger
Regisseur in produktiver Unruhe & Team INT INT IRRIT
Unsere Zweiflermesse OH FAITH (OH GLAUBE DOCH) feiert am 27. März Premiere an der Residenz des Schauspielhauses Leipzig. Weitere Vorstellungen & Gastspiel folgen.
Caravan of LUV wird auch in der Spielzeit 2026/2027 durch Theater- und Festivalhäuser touren.
Mit zukünftigen Projekten wie Village People (2027) kommt eine Vergeschwisterung zweier Dörfer zwischen der Oberlausitz und Katanga auf uns zu.
Für unsere weiteren Opern-, Konzert- Theater – und Festivalideen sowie für maßgeschneiderte Formate vereinbaren wir gerne einen Termin mit unserem jungen aufgestellten iii Team. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.
int international
int intentional
irrit irritations
For string quartet, bass trombone & right wing politician,
Dear friends
I write to you from that intermediate realm where art is born: half laboratory, half confessional, half alchemist’s kitchen. Yes, I know, three halves. But anyone who refuses to offend geometry on stage has not yet understood it.
For years I have tried to shift reality ever so slightly off its track, just enough for it to turn back in irritation and whisper, “Wait. What just happened?”
That is where it begins to live.
I want to invite you, despite all the terror and irrational misery of this world, to allow yourselves to be unsettled. Not as a permanent organ of agitation. Not as an algorithmic outrage loop drifting through the daily press. But as a quiet, dangerous seduction of thought. A mental stumble that wakes us.
We now move inside certainties that disguise themselves as natural law. Living art, our old and marvellous accomplice, rehabilitates error. It allows us to be wrong. With dignity. Upright. Without shame.
The modern critic Søren Kierkegaard once wrote, in essence, that truth resides in paradox. I would add that truth requires a willingness to make a fool of oneself, if only for a moment. Without that courage, it degenerates into posture.
I am less speaking of moral proxy campaigns or ironic acrobatics of conviction. Not of discourses worn like accessories. Not of sanctimonious virtue theatre for ironic careerists. Not of bigoted, self-quoting pseudo-Marxists who treat ideology as a fashion statement.
Art is not the fig leaf of opinion.
It is a risk.
Requiem für Alice – für Streichquartett, Bassposaune und Politikerin. E.Rediger, Animation Michael von zu Mühlen
OH FAITH – Vereint im Zweifel – Premiere 27.März 2026. Residenz Schauspiel
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Aiming for productive irritation to return to where it belongs: to art, to literature, to the stage. Politics has long since colonised it and now carries it like a switchblade in its coat pocket. Enough. Let us take this instrument back.
When politics performs as art, parodying itself and ironising its own atrocities, everything becomes mere theatre. It forces us cultural workers into a grotesque realism of political satire. It was not always so.
Chaplin’s The Great Dictator could only be so powerful because politics had not yet appropriated the weapon of comic disturbance for itself. Today it governs in the form of farce. In art, however, irritation may remain something else: a remedy. A training of perception. A space in which complexity is not reduced but endured.
Even in our hyper-digital age, we must remain conscious of this, resistant, connected, and internationally entwined.
“When politics stages itself as art, everything is reduced to theatre.”
Internationalism is not a nostalgic luxury. It is a cultural necessity, especially in societies beginning to dismantle themselves. Art has always mattered most when it crossed borders: aesthetic, linguistic, political, human.
And now another disorientation approaches. The threat of a new liminality of reality itself. When artificial intelligence, in its cold patience, begins to serve as our sacred mirror, perhaps even our projected divinity, art must not fall silent. It must smile and ask its questions more loudly. Or in chorus. Or at the Eurovision Song Contest.
I believe in this productive tremor. Olga Tokarczuk writes that we understand the world only when we learn to inhabit its fractures. Artaud wanted to frighten order. I call it a tender earthquake: a crack through which light falls and, occasionally, an indecent laugh escapes.
One thing is decisive. Comedy must not become the polite mask of authoritarianism. Laughter belongs to the disobedient. To the seekers. To the doubters.
Our work, and presumably your reason for reading these lines, is part of an experiment without a handrail. We throw thoughts, forms and provocations into the world. You catch them, contradict them, transform them or let them fall. That is enough. Art demands no more.
So let us dare to miss the mark. Fail with elegance. Err with style.
Thank you for your willingness to be unsettled, intelligently, attentively, in solidarity and without false masks.
My deepest thanks to all who support us on this path with courage.
Courage 2026
With affectionate disrespect for all this horror,
and a laughing frown from the engine room of imagination,
Elia Rediger
Director in productive unrest
& Team INT INT IRRIT
Foto HEALING HATE – Oper Leipzig November 2025 © Foto Iona Dutz
Foto Caravan of LUV – archive 2026, Vienna 2025. – Wiener Festwochen
Foto Caravan of LUV – Wiener Festwochen – © Ines Bacher
Foto Caravan of LUV – HEALING PRAGUE – © JanHromadko – National Theater Praha
Our doubters’ mass OH FAITH (OH GLAUBE DOCH) premieres on 27 March at the Residenz of Schauspielhaus Leipzig. Further performances and guest appearances will follow.
Caravan of LUV will continue touring theatre and festival venues throughout the 2026/2027 season.
With future projects such as Village People (2027), we are preparing a twinning of two villages between Upper Lusatia and Katanga.
For our upcoming opera, concert, theatre and festival projects, as well as for bespoke formats, we would be pleased to arrange a meeting with our young and dynamic iii team. We look forward to hearing from you.
Chères amies, chers amis,
Je vous écris depuis cet entre-deux où l’art prend forme : un lieu à la fois laboratoire, confessionnal et cuisine d’alchimiste. Oui, trois moitiés. Mais celui qui ne malmène pas un peu la géométrie sur scène ne l’a sans doute pas encore comprise.
Depuis des années, j’essaie de déplacer la réalité d’un infime pas de côté. Juste assez pour qu’elle se retourne, légèrement troublée, et murmure : « Un instant… qu’est-ce qui vient de se passer ? »
C’est là, précisément, qu’elle commence à vivre.
Malgré la violence et l’absurdité du monde, j’aimerais vous inviter à accepter d’être dérangés.
Non pas dans une agitation permanente.
Non pas dans une boucle d’indignation algorithmique comme celle qui traverse la presse quotidienne.
Mais dans une forme plus discrète et plus risquée de séduction de la pensée. Un léger faux pas intérieur qui nous réveille.
Nous avançons aujourd’hui dans des certitudes qui se déguisent en lois naturelles. L’art vivant, notre ancienne et précieuse complice, réhabilite l’erreur. Il nous autorise à nous tromper. Avec dignité. Debout. Sans honte.
Søren Kierkegaard écrivait déjà que la vérité habite le paradoxe. J’aimerais ajouter qu’elle demande aussi la capacité d’accepter, pour un instant, d’être un peu ridicule. Sans ce courage, elle se fige en posture.
Je ne parle pas ici de campagnes morales par procuration ni d’acrobaties idéologiques ironiques. Ni de discours portés comme des accessoires. Ni de bonnes consciences de façade pour carrières ironiques. Ni de pseudo-marxismes dogmatiques qui se citent eux-mêmes.
L’art n’est pas un alibi moral.
Il est une prise de risque.
J’aimerais que l’irritation féconde retrouve sa place naturelle : dans l’art, dans la littérature, sur la scène. La politique s’en est depuis longtemps emparée et la porte comme une arme dissimulée. Peut-être est-il temps de lui reprendre cet outil.
Lorsque la politique joue à l’art, qu’elle se parodie elle-même et ironise ses propres violences, tout devient théâtre. Et nous contraint, nous artistes, à entrer dans une forme de farce réaliste permanente. Il n’en a pas toujours été ainsi.
Le Dictateur de Chaplin n’était si puissant que parce que la politique n’avait pas encore appris à manier elle-même l’irritation comique. Aujourd’hui, elle gouverne souvent sous forme de farce. Dans l’art, pourtant, l’irritation peut rester autre chose : un remède. Un exercice du regard. Un espace où la complexité n’est pas réduite mais accueillie.
Même à l’ère hypernumérique, il nous faut en rester conscients, vigilants, reliés et ouverts au monde.
L’internationalisme n’est pas un luxe nostalgique. C’est une nécessité culturelle, surtout dans des sociétés qui commencent à se fragmenter. L’art a toujours été vivant lorsqu’il traversait les frontières : esthétiques, linguistiques, politiques et humaines.
Requiem für Alice – für Streichquartett, Bassposaune und Politikerin. E.Rediger, Animation Michael von zu Mühlen
OH FAITH – Vereint im Zweifel – Premiere 27.März 2026. Residenz Schauspiel
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Gesangsbuch zu OH FAITH – einem Abend über die älteste Gemeinde der Menschheit: den Zweifler.
Une nouvelle incertitude s’annonce aussi. Celle d’une réalité devenue à nouveau liminale. Lorsque l’intelligence artificielle, dans sa patience froide, commence à devenir notre miroir sacré, peut-être même notre divinité projetée, l’art ne devrait pas se taire. Il devrait sourire et poser ses questions plus fort. Ou en chœur. Ou à l’Eurovision.
Je crois à cette secousse féconde. Olga Tokarczuk écrit que nous ne comprenons le monde qu’en apprenant à habiter ses fractures. Artaud voulait effrayer l’ordre. J’y vois un tremblement de terre tendre. Une fissure par laquelle la lumière entre et d’où s’échappe parfois un rire indécent.
Une chose demeure essentielle. La comédie ne doit pas devenir le masque poli de l’autoritarisme. Le rire appartient aux désobéissants. Aux chercheurs. Aux douteurs.
Notre travail, et sans doute votre raison de lire ces lignes, fait partie d’une expérience sans garde-fou. Nous lançons des pensées, des formes, des tentatives dans le monde. Vous les attrapez, les contredisez, les transformez ou les laissez tomber. Cela suffit. L’art n’exige rien de plus.
Essayons donc d’oser nous tromper. D’échouer avec élégance. De nous égarer avec style.
Merci pour votre disponibilité à être troublés avec intelligence, attention et solidarité, sans faux-semblants.
Un grand merci à toutes celles et ceux qui nous accompagnent avec courage sur ce chemin.
Courage 2026
Avec une respectueuse irrévérence face à tant de violence,
et un froncement de sourcils rieur depuis la salle des machines de l’imaginaire,
Elia Rediger
Metteur en scène en agitation féconde
& équipe INT INT IRRIT
Foto HEALING HATE – Oper Leipzig November 2025 © Foto Iona Dutz
Foto Caravan of LUV – archive 2026, Vienna 2025. – Wiener Festwochen
Foto Caravan of LUV – Wiener Festwochen – © Ines Bacher
Foto Caravan of LUV – HEALING PRAGUE – © JanHromadko – National Theater Praha
Notre messe des douteurs OH FAITH (OH GLAUBE DOCH) sera créée le 27 mars à la Residenz du Schauspielhaus Leipzig. D’autres représentations et tournées suivront.
Caravan of LUV poursuivra sa tournée dans des théâtres et festivals au cours de la saison 2026/2027.
Avec de futurs projets tels que Village People (2027), nous préparons le jumelage de deux villages situés entre la Haute-Lusace et le Katanga.
Pour nos prochaines créations d’opéra, de concert, de théâtre et de festival, ainsi que pour des formats sur mesure, nous serions ravis de convenir d’un rendez-vous avec notre jeune équipe iii. Nous nous réjouissons de votre message.
